Matthias Kaul: Fever (2002)
Matthias Kaul (Schlagzeug), Wolfgang Kahle (Artworks)
Berslton 102 01 20
Malcom Goldstein / Matthias Kaul: The Smell of Light (2004)
Malcolm Goldstein (Violine), Matthias Kaul (Schlagzeug), Wolfgang Kahle (Artworks)
Berslton 104 01 08
Matthias Kaul: Cover Versions (2006)
Matthias Kaul (Schlagzeug), Wolfgang Kahle (Artworks)
Berslton 106 08 14
Für Ohr und Aug’
Es sind höchst originelle Kunstwerke, in gleichem Maße das Ohr wie das Auge ansprechend, die der Schlagzeuger und Komponist Michael Kaul und der Künstler Wolfgang Kahle während der vergangenen Jahre beim Label Berslton in der Nurnichtnur Kunst- und Musikproduktion (http://www.nurnichtnur.com) veröffentlicht haben. Denn gleich der erste Blick macht deutlich, dass es hier nicht nur um die Musik selbst geht, sondern dass diese im anspruchsvollen Verpackungsdesign ihr gleichwertiges Gegenüber erhält.
In Fever – Five Songs from a Percussionist (2002) entwirft Kaul auf der Grundlage eines umfangreichen Repertoires an Klangerzeugern eine Abfolge unterschiedlicher Klangszenerien. Stücke wie die auf Klängen von Glasharmonika und Stimme basierende Komposition Bachmann, der launige Eröffnungstitel Listen, this is for you mit seiner Verwendung von Stimmkomponenten und vorsichtig tastenden Drehleier-Klängen oder das eher von rhythmischen Impulsen geprägte Amadeo Antonio Kiowa vertreten hier stark kontrastierende musikalische Positionen, die sich jedoch in ihrer Gesamtheit in einen logisch konzipierten Zyklus fügen, dessen Einzelteile jeweils einer bestimmten Person oder deren Arbeit gewidmet sind. Speziell für diese Gelegenheit entstand Kahles monumentales Gemälde Silence, 02.2002, das anschließend in einzelne Teile zerlegt und zu den CD-Verpackungen verarbeitet wurde. Die farblich stark divergierenden Leinwandsäckchen, die nun als Hülle für die Tonträger dienen, sind mit Koordinaten versehen, anhand derer sich mittels beiliegender Farbabbildung der entsprechende Ausschnitt des ursprünglichen Gemäldes identifizieren lässt.
Nicht weniger originell ist die Platte The Smell of Light (2004), auf der Kaul seine erfindungsreichen Klangerkundungen mit dem Geiger und Komponist Malcolm Goldstein teilt. In sechs Titeln verbinden die beiden Musiker allein oder im Duo Instrumental-, Stimm- und Geräuschmomente zu sehr individuellen, doch immer subtil strukturierten Klanggebilden, deren wichtigstes Kennzeichen das Moment ständiger Transformation ist. Ob es sich etwa um das nervöse Flechtwerk aus Violin- und Vokalkontrapunkten in Goldsteins it were another (1998), um die atmosphärischen Momentaufnahmen von Kauls Revolver für Drehleier und Stimme (1997) oder um die unterschiedlich dichten Verschmelzungsgrade gestrichener Schlagwerk- und Saitenklänge in Kauls Last! Movement (1997) handelt: Den Musikern gelingt es immer, die Eigenschaften der in den Mittelpunkt gerückten Klänge in vielfacher Schattierung abzutasten. Als Pendant zu diesen paradoxerweise zugleich monochrom wie farbig anmutenden Stücken hat Kahle die Verpackungen erneut aus einem eigenen Kunstwerk gestaltet und sie als Papiertüten aus den Fragmenten einer Tusche-Arbeit auf japanischem Kinwashi-Papern gefertigt.
Mit seinem jüngsten Soloprojekt Cover Versions (2006) bezieht sich Kaul auf die Praxis der Neuinterpretation von Songs aus der Rock- und Popmusik und lässt in sieben Kompositionen Bezüge zur entsprechenden Musik der Sechziger-, Siebziger- und frühen Achtzigerjahre anklingen. Scheinbar marginale Elementen wie Hall oder Nebengeräusche, die jedoch ganz wesentlich zum Sound der Rock- und Popmusik beitragen, werden als Klangideen isoliert und in einem Prozess der Relektüre zum Ausgangspunkt von Klangerkundungen gemacht, die sich wiederum eines umfangreichen Arsenals an instrumentalen und elektronischen Klangerzeugern bedienen. Wie ein roter Faden klingt da etwa immer wieder das Knistern einer häufig gehörten Vinylplatte, Feedbacks und Verzerrungen machen sich selbstständig, schaukeln sich zu Klangschichtungen auf, übermäßige Verhallungen gewinnen ein Eigenleben, werden zu metallischen Schwebungen, kaum mehr identifizierbare Fetzen von Blues geistern durch die Klanggewebe. Jedes Stück erweist sich als abwechslungsreiche Klangreise, deren Bezugspunkte – etwa die Beatles, Donovan, David Bowie oder Jimi Hendrix – in Titeln wie America no Miracle oder Rigby, Father Mackenzie, a Face in the Jar and some lonely People blitzartig auftauchen und in Klanggebilde eingebettet werden, die sich die Soundästhetik der Rock- und Popmusik gleichsam einverleiben und auf eine neue Ebene transferieren. Kahle hat diesen Gedanken auf die Verpackung übertragen und sie im Format einer Doppel-LP-Hülle gestaltet, auf deren aufklappbarer Innenseite die CD steckt. So wie Kaul den Sound unter die Lupe nimmt, spiegelt Kahles Design die Ästhetik der Schallplattencover mit all ihrer produktiven Einfälle und Geschmacklosigkeiten und schafft hierbei durch einzelne Worte Korrespondenzen zwischen den auf der Innenseite platzierten Bildern und Kauls Titeln.
Alle drei Veröffentlichungen erweisen sich nicht nur in musikalischer wie visueller Hinsicht als höchst sinnliche Kunstwerke; sie setzen auch ein Zeichen für Qualität und durchdachte Konzeptionen in unserer schnelllebigen Zeit, in der das Bewusstsein für die künstlerischen Zusammenhänge zwischen Verpackung und Inhalt nicht nur bei den etablierten Plattenlabeln immer weiter zu schwinden droht. Insofern muss man der federführenden Produktionsfirma wirklich ein großes Kompliment machen.
(abgedruckt in: Dissonanz 98, September 2007, S. 51-52)
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